Kapitel 3 · Geld & Konsum

Erst die Klausur, dann der Einkaufsbummel

Konsum als stille Religion – kurz tröstlich, langfristig selten sättigend.

Psychologisch wirkt das wie eine hedonistische Tretmühle: ein kurzer Kick, daraufhin Gewöhnung und danach das Bedürfnis nach mehr. Das eben noch Begehrte wird rasch zum Hintergrund des Alltags. Um wieder Besonderheit, Erfolg oder Zugehörigkeit zu spüren, braucht es das nächste Upgrade, das nächste Erlebnis, die nächste Buchung. Konsum wird so zum wiederholten Ritual, das Leere selten heilt, aber zuverlässig übertönt.

Ich erinnere mich an eine Kommilitonin während meines BWL-Studiums, die nach jeder großen Prüfung am Ende des Semesters denselben Weg ging: erst die Klausur, dann der Einkaufsbummel. Lief die Prüfung schlecht, diente der Bummel als Trost – lief sie gut, als Belohnung. Ob Frust oder Erfolg: Die Antwort hieß Kaufen. Der Gang durch die Läden, die Tüte in der Hand, das „Ich gönn mir jetzt was“ war in beiden Fällen dasselbe Ritual. In dieser Geste liegt für mich eine Art emotionaler Universal-Schlüssel: Kaufen soll beruhigen, feiern und betäuben – alles zugleich.

Colin Campbell beschreibt diese Dynamik als „imaginativen Hedonismus“: Das eigentliche Vergnügen liegt sinngemäß oft weniger im Besitz als in der Vorstellung davor – in Tagträumen darüber, wie man mit dem neuen Gegenstand leben, wirken, sein wird. Der Alltag holt diese Fantasie schnell ein; übrig bleibt der kurze Höhenflug – und die nächste Anschaffung. Gekauft wird dann weniger ein Ding als eine Szene im Kopf.

Auszug aus dem Buch „Wie ein System uns müde macht“ von Harald Stopfkuchen.

Wenn Sie solche Gedanken weiterverfolgen möchten: Bleiben Sie über die Reihe „Die unerträgliche Leichtigkeit des Scheins“ auf dem Laufenden — oder lesen Sie zuerst die Leseprobe.

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